News

neu!

EXOTENTUM

LINDENBERGTRACKS erscheinen am 6.10.2008 bei Randomhouse Audio. Video zu "Baby, wenn ich down bin" ab sofort bei youtube verfügbar (siehe Videos).

Kongeniale Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg, dem Pionier der deutschsprachigen Popmusik. Udo war immer locker, immer offen für Experimente. "Höchstes Exotentum" hat Udo Lindenberg über das Projekt gesagt, das wir "spoken songs" nennen. Wir haben über zwei Jahre an den LINDENBERGTRACKS gearbeitet. Vieles ausprobiert. Vieles verworfen. Zehn Tracks sind schließlich  auf der Platte gelandet: baby, wenn ich down bin|mädchen aus osterberlin|meer der träume|ich lieb dich überhaupt nicht mehr|stars die niemals untergehn|nichts haut einen seemann um|niemandsland|bis ans ende der welt|in den tiefen dunklen gängen der vergangenheit|sternenreise (Foto: Tine Acke) 

PIONIER DER SPRACHE

Frage:
Wie kam es zu der Idee der Lindenbergtracks?

Detlev Cremer:
Wir haben 2005 die Fausertracks gemacht. Dafür vertonten wir Originalton-Gedichte des Schriftstellers Jörg Fauser mit unserer Musik. Das war eine sehr inspirierende Arbeit, aus gesprochenem Wort etwas Neues entstehen zu lassen, eben gesprochene Songs oder besser „spoken songs“, wie wir das nennen.

Frage:
Aber Jörg Fauser war ein Literat, kein Musiker wie Udo Lindenberg.

Jochen Rausch:
Ja, aber wenn man Udo Lindenbergs Texte liest, dann versteht man, dass da viel mehr ist als ein paar Worte für eine Gesangsmelodie. Für mich ist Udo Lindenberg einer der wichtigsten zeitgenössischen Poeten in Deutschland. Er hat sehr persönliche Lieder geschrieben, in denen sich viele Menschen erkannten – zum Beispiel „Horizont“ oder „Bis ans Ende der Welt“. Und da waren natürlich auch die gesellschaftspolitischen Themen, seine Songs zur deutsch-deutschen Geschichte. „Sonderzug nach Pankow“ etwa. Das Lied hat sicher mehr bewegt als so manche Rede im Bundestag zum selben Thema.  

Frage:
Zu all diesen Texten gehören aber auch starke Melodien. Kann man darauf verzichten?

Detlev Cremer: 
Es geht uns nicht darum, das vorhandene Lied in irgendeiner Weise zu verbessern oder zu verändern. Wir machen ja keine Remixe, sondern etwas Neues. Wir rücken den Text und Udos Sprechstimme viel weiter in den Vordergrund, als dies bei einem Song der Fall sein kann.

Frage:
Wie ist Eure Vorgehensweise? Benutzt ihr beispielsweise Melodien aus dem Originalsong?

Jochen Rausch:
Nein, das würde keinen Sinn machen, dann wäre es ja nur eine Interpretation von etwas Bekanntem. Wir haben zunächst einmal mit Udo Lindenberg die Stimme aufgenommen. Ohne einen Rhythmus oder einen einzigen Ton. Udo hat die Sachen gelesen wie man ein Gedicht liest. Allerdings ohne jeglichen Intonationsschmalz, sondern eher so beiläufig. Vielleicht kann man das nur, wenn man den Text auch selber geschrieben hat und sich nicht auch noch als Sprecher beweisen muss. Das war schon beeindruckend. Er hat ja auch eine tolle Sprechstimme. Ich habe ein paar Leuten den einen oder anderen Song vorgespielt, ohne zu sagen, wer oder was das ist. Jeder hat nach zwei, drei Worten gesagt: Das ist Udo Lindenberg!

Frage:
Seid ihr mit Udo im Studio gewesen?

Detlev Cremer:
Nein, das wollte er gar nicht. Er wollte die Aufnahmen gerne in Hamburg im Hotel Atlantik machen, wo er ja wohnt. Also haben wir im Hotelkino unser Equipment aufgebaut und dort aufgenommen.

Jochen Rausch:
Er ist übrigens ein absoluter Profi. Voll konzentriert. Während der Aufnahmen gab es im Hotel einen Debütantenball. Andauernd kreischten die Mädchen auf dem Flur. Wenn davon was auf der Aufnahme war, hat Udo eben einen tiefen Zug aus der Zigarre genommen und noch mal von vorn begonnen.

Detlev Cremer:
Wir haben die Sprache dann in unserem Studio auseinander geschnitten und meist mit einem Rhythmus angefangen. Oder einem Bass. Und die Musik nach und nach um die Stimme herumgebaut. Wir haben dabei einen minimalen, intimen musikalischen Rahmen angestrebt. Udos Stimme und die Texte klingen so staubtrocken, das wollten wir nicht durch irgendeine musikalische Zuckrigkeit zukleistern.

Frage:
Warum Udo Lindenberg?

Jochen Rausch:
Udo Lindenberg ist und bleibt der Pionier, er ist derjenige, der die deutsche Sprache in die bis dahin beinahe ausschließlich englischsprachige Rockmusik gebracht hat. Das alleine hätte ihm aber nicht den großen Erfolg gebracht. Es waren die Inhalte seiner Texte, mit denen er das geschafft hat. Bis heute schreibt Udo Lindenberg Texte, die etwas zu sagen haben. Die etwas wollen. Und nicht bloße Illustration für eine Melodie sind. 

Frage:
Nach welchen Kriterien habt ihr die Songs ausgewählt?

Jochen Rausch:
Das war gar nicht so einfach. Es sind ja hunderte von Texten, die Udo Lindenberg in all den Jahren geschrieben hat. Letztlich haben wir mit Udo Lindenberg dann gemeinsam eine Auswahl getroffen und es sind viele Lieder dabei, die ihm besonders am Herzen lagen.

Detlev Cremer:
Udo Lindenberg hat ja auch eine ganz eigene Sprache entwickelt. Er reimt ja nicht auf Teufel komm raus, sondern schafft mit zwei, drei Sätzen wunderbare poetische Bilder. Es ist ja kein Zufall, dass sich auch viele Sprachwissenschaftler mit seinen Texten auseinandergesetzt haben.

Jochen Rausch:
Sich mit ihm zu unterhalten, macht immer Spaß. Er ist auch im Alltag ein Sprachakrobat. Immer hat er ungewöhnliche Sprüche parat und erfindet andauernd neue Wörter. Ich habe keine Ahnung, wo er das alles hernimmt, aber es kommen immer neue Wörter, immer neue Bilder, er sprüht einfach über vor Worten, Ideen, Plänen. Er ist schon ein beeindruckender Künstler.

Frage:
Aber ist das nicht auch seine Erfolgsmasche, die Sprüche, die Wortbildungen?

Detlev Cremer:
Als Masche habe ich das nie empfunden. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand, der ihn näher kennt, das als Masche empfindet. Seine Fans ohnehin nicht. Nein, für uns ist Udo Lindenberg durch und durch glaubwürdig, er ist absolut authentisch, er zieht halt sein Ding durch, und er redet nun mal so. Das, was er sagt, meint er auch so. Das kann nicht jeder von sich behaupten. 

Jochen Rausch:
Wenn man ihn näher kennen lernt, kapiert man sehr schnell, dass er ein sehr scharfsichtiger Beobachter ist. Er ist voll interessiert an allem, was so gerade abgeht und könnte sicher jeden Tag zum aktuellen Geschehen einen Zeitungskommentar schreiben. Er schreibt aber lieber Lieder oder malt seine Bilder. Ich bin zum Beispiel davon überzeugt, dass Udos Beitrag zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung nicht zu unterschätzen ist. Man muss nur mal seine Fans im Osten Deutschlands fragen, die können ermessen, welche Bedeutung ein Song wie „Mädchen aus Ostberlin“ hatte. Nicht ohne Grund hat sich die Stasi sehr intensiv mit Udo Lindenberg befasst und ihn auch als gefährlich für Stimmung unter den Jugendlichen in der DDR eingeschätzt hat.

Frage:
War es schwierig, Udo Lindenberg zu überzeugen, seine Songs einmal nicht zu singen, sondern zu sprechen?

Detlev Cremer:
Udo Lindenberg ist jemand, der Neuem sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Sonst hätte er ja sicher auch nicht in den tiefsten 70er Jahren angefangen, deutsche Texte zu singen. Er hat eben echten Pioniergeist. Und so hat er auch auf die Idee reagiert, seine Texte zu sprechen und neu zu vertonen. Er hat sich die FAUSERTRACKS angehört, dann hat er eine SMS geschrieben und da stand, ok, Jungs, coole Platte, das machen wir.

Frage:
Hat er Vorgaben für die musikalische Umsetzung gemacht?

Jochen Rausch:
Nein, überhaupt nicht. Er hat gesagt, Jungs macht mal, ich vertraue Euch. Das war schon ein großer Ansporn für uns, ihn da auch nicht zu enttäuschen.

Detlev Cremer:
Es war nur klar, dass sich unser Sound vollkommen von dem originalen Song lösen muss. Udo weiß ja, dass wir eher aus der Elektronik kommen. Wir kommen ja aus der Schule von Conny Plank, einem anderen großen Pionier der deutschen Popmusik, der übrigens auch mal mit Udo in einer WG zusammen gewohnt hat.

Frage:
Eine andere Legende der deutschen Rockmusik hat zu den Lindenbergtracks Bass zugesteuert: der ehemalige Can-Musiker Holger Czukay. Wie kam es dazu?

Jochen Rausch:
Wir waren immer große Fans von Can. Auch Pioniere. Und Holger Czukay war ja auch Teil der Conny Plank-Community. Und so habe ich ihn einfach gefragt. Er hat gesagt, das mache ich mit links und weil es für Udo ist, nehme ich auch noch die Rechte dazu. (Interview: St. Kleinschmidt/Foto: Thomas Hendrich)