Fauser

Fausertracks

GEGEN EINEN LKW KOMMT KEINER AN 

Fausertracks, die erste Lyrik-Vertonung von LEBENdIGITAL, 2005 bei Randomhouse Audio erschienen. Jörg Fauser war einer der wichtigsten deutschen Popliteraten. Kam 1987 im Alter von nur 43 Jahren bei einem Verkehrsunfall in München ums Leben. Charles Bukowski schrieb zum Tod von Jörg Fauser: "Goodbye Joe, gegen einer LKW kommt keiner an!"

ABGEFUCKTER VORTRAG

 

"Vielleicht wird es noch einige Jahre dauern, bis Jörg Fauser endgültig als einer der großen deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts wahrgenommen wird. LEBENdIGITAL hätten mit ...den Fausertracks...einen wichtigen Beitrag dazu geleistet" (Frankfurter Allgemeine Zeitung/FAZ)

"LEBENdIGITAL verleihen...Fauser...mit dichten, sphärischen Grooves und pulsierenden Beats eine neue, lebendige Dimension. Eine faszinierende Symbiose aus Musik und Wort. Für Fans von Bukowski, Kerouac, Massive Attack". (AMM/all my music)

"Die Lakonik der Gedichte, dazu der forciert abgefuckte Vortrag Fausers...dazu vom Bass zusammengehaltene Minimalkompositionen, im Vordergrund mal eine Akustikgitarre, dann Piano, zumeist Laptop - cool, das hat was". (Rolling Stone)
 
"Immerhin die Kunst des Jörg F. läßt sich reanimieren, wie ...LEBENdIGITAL... in ihrer musikalischen Adaption imposant vorführen, ...die... den Versen eine zusätzliche Verve verleiht. "Fausertracks" ist eine stimmige wie stimmungsvolle Aneignung". (DIE WELT)

"Die Musik…verdichtet die Sprache Fausers, gibt ihr Tiefen und Höhen und Rhythmus…ist nicht mehr Gedicht und noch nicht Song; es ist irgendwo dazwischen und darum einzigartig". (Der Spiegel)

"...mit den FAUSERTRACKS ist…Cremer und Rausch, die in den 80er Jahren mit dem Produzenten Conny Plank das bahnbrechende Elektroalbum ´Stahlnetz` einspielten…ist eine faszinierende Fusion aus harschem low-life Realismus made by the eighties und heutigen Sounds…" (Tonspion)

"…neueste Entdeckung: FAUSERTRACKS, Musik/Lyrik-Audiobuch, ein reizvoller Hybrid, der das Anhören lohnt“ (epd-medien).

Dezember 2005: Nominierung FAUSERTRACKS für die HR2-Hörbuchbestenliste (HESSISCHER RUNDFUNK)

WER LIEST SCHON GEDICHTE?

 

Frage: Warum gerade Jörg Fauser?

Cremer: Ich habe Jörg Fauser zum ersten Mal irgendwann in den 70er Jahren gelesen. Ich war damals Fan von Charles Bukowski und irgendwo hatte ich gelesen, dass Jörg Fauser der deutsche Bukowski sei. Das hat mich interessiert. Bukowski war ja damals total angesagt, das hatte mit den Gedichten, die man in der Schule lernen musste, nicht das Geringste zu tun: Das klang alles authentisch, man hat sich gefragt, wann schreibt der eigentlich all dieses Zeug, wenn der tagsüber Briefe austrägt und sich nachts volllaufen lässt und rumhurt. Ich finde zwar, dass Fauser nicht allzu viel von Bukowski angenommen hat, aber mir hat Jörg Fausers Blick auf die Dinge gefallen, der hat Sachen gesagt, die man sonst nirgendwo so lesen konnte, so geradeaus und trotzdem poetisch.

Rausch: Mir ist Jörg Fauser in einem Fanzine begegnet, das erschien in Wuppertal und wurde von ein paar Typen rausgegeben, die das mit der Hand gedruckt haben, in einer Garage. Die Gedichte hießen Baltimore und Montana Wind. Ich hab mir dann noch ein paar andere Sachen von Fauser besorgt, das war schon irgendwie böse, hatte aber auch etwas Versöhnliches, etwas Unverkrampftes. Der ließ sich auch von der Szene, zu der er eigentlich gehörte, nicht vereinnahmen, das hat mir gefallen.

Frage: Warum interessieren sich Musiker für einen Dichter?

Cremer: Wir hatten damals eine Band, die hießen DIE HELDEN. Das war 1978, 79. Wir wollten deutsche Texte machen. Natürlich hat man auch Gedichte durchgestöbert, um Anregungen zu bekommen, um vielleicht auch sprachlich etwas Neues zu entwickeln, Bukowski, amerikanische Beat-Poetry, aber natürlich auch deutsche Dichter, Brinkmann, Wondratschek, eben auch Fauser. Für viele Musiker ist es ja wahnsinnig schwer, gute Texte zu schreiben, das ist ja eigentlich nicht ihr wirkliches Anliegen, sie wollen ja Musik machen und nicht tagelang über ein paar Zeilen brüten. Und Dichter erreichen nun mal nicht so viele Leute wie Rockgruppen, das hat ja auch Jörg Fauser mal gesagt, was nütze es ihm, wenn ihn keiner liest. Deswegen hat er ja auch Texte für Musiker geschrieben, zum Beispiel Achim Reichel.

Frage: Was gab den Anstoß, Gedichte von Jörg Fauser zu vertonen?

Rausch: Ich habe vor ein paar Jahren im Feuilleton einen Artikel über Fauser gelesen, ich glaube, es war zu seinem zehnten Todestag, also muss das 1997 gewesen sein. Ich habe meine alten Bücher durchgesehen und noch mal ein paar Sachen gelesen, Rohstoff zum Beispiel, Fausers erster Roman über seine Zeit in Istanbul und bei den Hausbesetzern in Frankfurt. Das liest sich aus heutiger Sicht, als sei es ewig lange her.

Cremer: In dem Zeitungsartikel wurde erwähnt, dass bei Trikont eine O-Ton-CD mit Gedichten von Fauser erschienen sei. Die habe wir uns angehört, eigentlich ohne den Gedanken, dass man damit etwas machen könnte, ich wollte einfach mal seine Stimme hören. Und dann haben wir noch aus dem Archiv der ARD ein paar Sachen bekommen, ein Hörspiel, Interviews, Gedichte. Die Stimme hat uns beeindruckt, diese total Gelassenheit, heute würde man sagen, total cool. Es hört sich an, als habe Fauser sich einfach da hingesetzt und sein Zeug gelesen, ohne jeglichen Schwulst oder Selbstverliebtheit.

Rausch: Als wir das so gehört haben, hat Detlev gesagt: das klingt, so als würde Jim Morrison auf die Bühne gehen und seine Texte ohne die DOORS vortragen. Ja und dann war es nicht mehr weit bis zu der Idee, den umgekehrten Weg zu gehen, und Fausers Stimme Musik zu geben.

Frage: Besteht da nicht die Gefahr, dass man das Werk eines Künstlers in einer Form bearbeitet, die er so gar nicht gewollt hätte?

Rausch: Das war uns von Anfang an bewusst. Wir haben uns, bevor wir überhaupt richtig an die Arbeit gegangen sind, intensiv mit Jörg Fauser, seinem gesamten Werk, seinem Leben, befasst. Und da klang immer wieder durch, dass er gelesen werden wollte, dass er wahrgenommen werden wollte, sicher auch über seinen Tod hinaus. Es gibt diesen schönen Satz von ihm, den hat er in einem Interview mit Helmut Karasek gesagt, ich zitiere: einen Schriftsteller, der nicht gelesen wird, den halte ich für eine pathetische und sinnlose Figur.

Cremer: Ganz klar war, dass wir die Musik nicht in den Vordergrund spielen, das wir das Original nicht verändern, die Stimme nicht verfremden. Sondern dass es darum ging, die Texte von Jörg Fauser in einen neuen Kontext zu stellen. Deshalb gibt es auch keine Soli oder sonstige musikalischen Egotrips. Wir haben uns immer vorgestellt, das wir als Begleitband auf der Bühne sitzen und der Sänger kommt raus und es geht um ihn, er steht im Mittelpunkt, er und seine Texte.
Aber es ist ja mehr geworden als reine Begleitmusik.

Rausch: Das war auch die Absicht. Wir haben die Texte und die Art der Interpretation als Popsongs ohne Musik aufgefasst. Wir wollten da nicht irgendeinen beliebigen Musikteppich unterlegen, sondern haben für jeden Text, für jeden Song ein individuelles Layout produziert. Das war schon sehr aufwändig und kann man eigentlich auch nur machen, wenn man die Sachen eines Dichters wirklich mag - letztlich haben wir anderthalb Jahre immer wieder an den Sachen herumgefeilt, bis wir das mal jemand vorgespielt haben.

Frage: Können junge Leute damit was anfangen?

Rausch: Vieles aus Fauser Gedichten kommt einem fast schon vor wie ein historischer Stoff. Die Welt, die da beschrieben wird, Studentenbewegung, Hausbesetzerszene, Drogenszene, linke Kulturschickeria, das ist für viele junge Leute heute ein komplettes Mysterium. Gerne wird ja da aus heutiger Sicht ein bisschen Che Guevera-Romantik hineingedeutet, das ist schick, warum nicht ein paar Modefotos im RAF-Look? Aber wenn man diese Zeit nicht selber miterlebt hat, ist es ungeheuer schwer, sich vorzustellen, wie das war. Man begreift zum Beispiel aus heutiger Sicht nur schwer, welche Konflikte es zwischen der Elterngeneration in dieser Zeit, die ja in Hitlerdeutschland aufgewachsen ist, und deren Kindern gegeben hat. Da reichte es schon, eine Platte von THE WHO aufzulegen und schon hatte man zu Hause einen Riesenärger. Ich bin davon überzeugt, dass die Texte in diesem neuen musikalischen Kontext eine Auffrischung bekommen, dass sie verstanden werden, vielleicht anders, als sie mal gemeint waren, aber so ist es ja auch mit historischen Bühnen- oder Operntexten, die wirklich relevanten Sachen werden immer wieder neu interpretiert und gewinnen damit noch an Bedeutung.

Cremer: Natürlich ist jemand wie Jörg Fauser aus heutiger Sicht gelinde gesagt irritierend. Wenn man den Kontext nicht kennt, in dem die Texte entstanden sind, also die 60er und 70er Jahre, dann fällt es einem vielleicht schwer, zu verstehen, um was es überhaupt geht. Mich hat zum Beispiel jemand gefragt, was eigentlich eine Trotzkistin ist, das kommt in dem Gedicht Trotzki, Goethe und das Glück vor. Na gut, dann habe ich das eben erklärt, weil man sonst den ganzen Song nicht versteht.

Frage: Klingt die Musik auch deshalb bisweilen so retro?
Cremer: Ich hätte es seltsam gefunden, diese Texte und diese Stimme beispielsweise mit einem reinen Elektrosound zu unterlegen - wir haben da sogar ein bisschen experimentiert, aber es war uns sehr schnell klar, dass die Texte eben auch in einer bestimmten Zeit und vor einer bestimmten Soundkulisse entstanden sind, also irgendwas zwischen den mittleren 60er und den späten 70er Jahren. Also haben wir viel mit Klavier und Gitarren und natürlichen Drumsounds gemacht. Wir haben das dann aber auch mit kleinen Elektrolicks und Sounds vermischt, wir wollten ja auch nicht so klingen wie eine Band in den 70er geklungen hätte, wir haben das ganze Ding ja aus einer heutigen Perspektive montiert.

Frage: Wie ist die Arbeitsweise konkret?

Rausch: Wir haben die Gedichte zuerst auf Rhythmusgelegt und geschnitten, das die Stimme eben auch mitgroovt. Was zum Beispiel von vorn herein klar war, dass wir die Stimme nicht bearbeiten, weder die Stimme noch den Text verändern, daß es eben echt klingt, so, wie Fauser geredet hat. Also keine Effekte auf der Stimme, keine Manipulation. Dann haben wir dazu improvisiert. Wir haben bewusst angestrebt, dass auch manches zeitliches Zitat kommt, dass es destruktiv bearbeitete Samples gibt, also absichtlich runtergerechnetes Zeug, das Morbide, das Vergangene, sollte eine musikalische Entsprechung bekommen, manchmal eben nur als Zitat.

Frage: Kann man so etwas performen?

Cremer: Wir glauben schon. Es wird eine Mischung aus Lesung und Musik geben. Wir arbeiten ja eben auch mit Computern, ein paar alten analogen Kisten und Gitarren, Klavier und so weiter. Wir sind ja nur zu zweit, manchmal kommt noch Andi Kretschmeier (Schlagzeug) dazu. Es gibt Videoanimationen zu den Songs, die hat ein junger Künstler gemacht, er heißt Kai Dollbaum, der einen ganz eigenen Blick auf die FAUSERTRACKS entwickelt hat, das ist toll geworden. Wir wollen uns eben nicht so nach vorne stellen und da herumorgeln und irgendwo aus dem off kommt die Stimme von Jörg Fauser. Er soll auch bei den Live-Präsentationen im Vordergrund stehen, es geht um seine Texte, um seine Sprache. Wir verstehen uns da eher wie Musiker und Regisseure, die ja auch immer wieder einen Stoff neu interpretieren, in andere Kulissen setzen, versuchen, ein klassisches Werk in die Gegenwart zu übersetzen. (Interview: Stefan Kleinschmidt)

WRITING IS MY BUSINESS

Jörg Fauser wird am 16. Juli 1944 in der Nähe von Frankfurt/Main als Sohn eines Malers und einer Schauspielerin geboren. 1963 erste Veröffentlichungen von Gedichten. Lebt in Frankfurt, Berlin, Göttingen, Istanbul, London, München. Drogenerfahrungen, Heroin, Alkohol, beteiligt an Hausbesetzungen in Frankfurt am Main. Arbeitet als Flughafenarbeiter, Nachtwächter, Krankenpfleger, Büroangestellter, Dichter, Journalist. Liest Kerouac und Burroghs, trifft 1976 in Los Angeles Charles Bukowski, den er für den Playboy interviewt, den er verehrt. Schreibt Hörspiele ("Cafe Nirwana", 1974, WDR), Gedichtbände ("Trotzki, Goethe und das Glück", 1979), Romane ("Der Schneemann", 1985 verfilmt mit Westernhagen), Reportagen, Erzählungen, Reportagen. Später wird man sagen, Jörg Fauser ist ein Begründer der deutschsprachigen Popliteratur. Ich war ein Außenseiter, der auch bei den Außenseitern auf der Außenseite saß. Ein akribischer Beobachter, ein uneitler Schreiber, ein Wirklichkeitsarbeiter, einer für keine Schublade. Schreibt Songtexte (1980): "es hat Jörg gefallen," so Achim Reichel, "dass seine Texte durch die Musik plötzlich von so vielen Menschen gehört wurden. Er sagte immer, wer liest schon einen Gedichtband?" Jörg Fauser bezeichnet sich als Geschäftsmann, writing is my business, will ein Dichter sein, der gehört wird: Einen Schriftsteller, der nicht gelesen wird, den halte ich für eine pathetische und sinnlose Figur. Jörg Fauser wird im Morgengrauen des 17. Juli 1987 auf der A94 bei München von einem LKW überfahren. Charles Bukowski schreibt: "gegen einen LKW kommt keiner an – goodbye Joe, ich bin froh, dass wir Dich hatten!" www.joergfauser.de

AUGENBLICKE DER VOLLKOMMENHEIT

 

Zuerst war der Klang der Stimme. Jörg Fausers Stimme. Seelenwund, einnehmend, unzweifelhaft, austeilend und einsteckend. Berührend. Eine einsame Stimme in einem schallisolierten Hörfunkstudio. 70er Jahre. Man stellt sich Tontechniker, Magnettonbänder, Geräusche absorbierende Akustik vor.
Der Dichter und die Bandmaschine. Gelassen rezitierend, beiläufig, ohne Pathos, er könnte beim Einsprechen geraucht haben. Ein Rocksänger ohne Band, der Songs ohne Musik hersagt, als habe er sie soeben erst verfasst, vielleicht auf den Rand einer Zeitung geschrieben. Nevada; Augenblicke der Vollkommenheit; Stardust Motel, Hollywood. Gelegentlich dringt Fausers Akzent an die Oberfläche, hessisch, geerdet. Über dreißig Jahre später ist das Echte immer noch echt, immer noch jung, immer noch dagegen, aber auch ein Stück Zeitgeschichte. Auf jeden Fall aber immer noch Songtext.

Herausfordernd: der Stimme Musik zu geben, den Respekt vor dem Dichter zu wahren. Die Musiker bleiben im Rücken des Sängers. Neue Bilder entstehen: Nevada und das Flirren der Hitze über der Wüste. Ein endloser Trip durch NY. Das Zerstörerische der Morphiumbaracke. Texte machen Melodien, die Sprache klopft den Beat, die Stimme prägt den Sound. Ich schreibe die Texte und du schreibst darauf die Musik, nicht umgekehrt, sagte Jörg Fauser: "Gedichte vertonen…das ist eine neue Dimension...Kollektivarbeit…da wird etwas geschrieben, dann hört man das und das ist etwas ganz anderes…was ich normalerweise mit Büchern sehr schwer erreiche."